
Was verändert sich in der professionellen Pflege über die Jahrzehnte – und was bleibt? Diese Frage wollen wir aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Den Anfang macht ein Besuch bei einem besonderen Mitglied des DBfK Südwest.
Unsere Vorsitzende Andrea Kiefer hat zusammen mit Nadja Körner (Delegierte im DBfK Südwest) Ruth Hayn in Nürtingen besucht. Mit 97 Jahren ist sie unser ältestes Mitglied im DBfK Südwest. Ihr Berufsleben begann in einer Zeit, in der Pflegeausbildung, Arbeitsbedingungen und berufliche Rollen kaum mit denen von heute vergleichbar waren. Und doch finden sich in ihrer Geschichte Themen, die die Profession bis heute beschäftigen: Verantwortung für Menschen zu übernehmen, sich fachlich weiterzuentwickeln und die Versorgung aktiv mitzugestalten.

Ruth Hayn berichtete beim Besuch von ihrem Weg in die Pflege, von der Arbeit im Krankenhaus und in der ambulanten Versorgung, vom Aufbau neuer Angebote – und davon, warum sie auch nach ihrem Berufsleben der Pflege und dem DBfK verbunden geblieben ist. Wenn sie über ihren Berufsweg spricht, wird schnell deutlich: Pflege war für sie nie einfach ein Beruf. Es war Berufung, Verantwortung und gelebte Mitmenschlichkeit. Mit 97 Jahren blickt die in Nürtingen als „Schwester Ruth“ bekannte Krankenschwester auf ein bewegtes Leben zurück und auf eine berufliche Laufbahn, die zugleich ein Stück deutscher Pflegegeschichte erzählt.
Ihr Weg in die
Pflege begann unter schwierigen Bedingungen. Als Kind erlebte sie Flucht und
Vertreibung aus Breslau. Über den Böhmerwald und Prag führte der Weg ihrer
Familie zunächst in die damalige sowjetische Besatzungszone. Anderthalb Jahre
arbeitete sie bei tschechischen Bauern auf den Feldern, bevor die Familie
schließlich in der Nähe von Helmstedt in Niedersachsen ankam. Trotz der
entbehrungsreichen Jahre verlor Ruth Hayn ihren Berufswunsch nie aus den Augen.
„Ich würde gerne Krankenschwester werden“, erinnert sie sich an ihren Wunsch
als 16-Jährige. Durch eine persönliche Vermittlung erhielt sie einen
Ausbildungsplatz im Krankenhaus Helmstedt.
Ausbildung in einer anderen Zeit
Vieles, was heute selbstverständlich ist, sah damals noch anders aus: Die Pflegeausbildung war geprägt von Disziplin, festen Hierarchien und einem hohen persönlichen Einsatz. Die Schülerinnen lebten im Kloster, arbeiteten im Schichtdienst und hatten nur wenige freie Stunden. Schon früh interessierte sich Ruth Hayn für den Operationsbereich. Immer wieder wurde sie dort eingesetzt und fand schließlich ihre berufliche Heimat in der Anästhesie. Mit einem Augenzwinkern erinnert sie sich bis heute an diese Zeit: „Bei mir ist keiner nicht aufgewacht.“
Nach ihrer Heirat zog sie nach Baden-Württemberg. Ihr Mann hatte dort eine neue berufliche Perspektive gefunden. Im Krankenhaus Nürtingen setzte Ruth Hayn ihre Tätigkeit im OP fort, bevor sie sich während der Familienphase um ihre Kinder und die Pflege ihrer Mutter kümmerte.
Der Wiedereinstieg in den Beruf kam 1968 eher zufällig: Eine Gemeindeschwester fragte sie, ob sie den Krankenpflegeverein Nürtingen bei der ambulanten Versorgung unterstützen könne. Aus dieser Anfrage entwickelte sich eine fast drei Jahrzehnte währende Tätigkeit als ambulante Pflegefachkraft.
Die ambulante Pflege in ihrer Region befand sich damals in einer Phase des Aufbaus. Strukturen, wie sie heute selbstverständlich erscheinen, existierten vielfach noch nicht. Hausbesuche wurden mit großem persönlichem Einsatz organisiert, häufig unter einfachen Bedingungen. Anfangs wurde Ruth Hayn noch zu ihren Einsätzen gefahren, da sie keinen Führerschein besaß. Erst später entschloss sie sich, diesen nachzuholen – selbstverständlich auf eigene Kosten. Ihr Fahrlehrer bescheinigte ihr schmunzelnd: Es war eine reine Freude mit ihr.
Entwicklung der Langzeitpflege
In der kontinuierlichen Begleitung ihrer Patientinnen und Patienten erkannte Ruth Hayn eine Versorgungslücke: Viele Menschen konnten lange zu Hause versorgt werden, mussten bei steigendem Pflegebedarf jedoch in ein Krankenhaus oder Pflegeheim wechseln. Doch vor Ort gab es noch keine Einrichtung.
Gemeinsam mit dem Krankenpflegeverein Nürtingen entwickelte sie deshalb neue Versorgungsangebote mit. Aus dem ehemaligen Standort des ambulanten Dienstes entstand eine stationäre Pflegeeinrichtung, deren Aufbau Ruth Hayn als Vorstands- und Ausschussmitglied aktiv begleitete. Die Einrichtung entwickelte sich später zu einer ambulant betreuten Pflege-Wohngemeinschaft und spiegelt damit zugleich den Wandel der Langzeitpflege in Deutschland wider.
Auch nach ihrem offiziellen Renteneintritt blieb sie der Einrichtung eng verbunden. Bis zum Beginn der Corona-Pandemie engagierte sie sich täglich ehrenamtlich – von der gemeinsamen Kaffeerunde bis zum Abendessen. Als sie 2020 aufgrund der Pandemie ihre Besuche einstellen musste, traf sie das tief. Für sie war das Ehrenamt weit mehr als Beschäftigung: Es war Ausdruck beruflicher Identität und gesellschaftlicher Verantwortung. Gleichzeitig ist sie überzeugt, dass dieses Engagement wesentlich dazu beigetragen hat, körperlich und geistig gesund zu bleiben.
Bis heute Mitglied im DBfK
Bemerkenswert ist auch ihr Verständnis von beruflicher Professionalität. Ruth Hayn wollte sich fachlich stets weiterentwickeln. Deshalb wurde sie im Jahr 1972 Mitglied im Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), las regelmäßig die Verbandszeitschrift und besuchte Fortbildungen. „Ich wollte nicht abgehängt werden“, sagt sie. Dieses Selbstverständnis – lebenslanges Lernen als Teil professioneller Pflege – begleitet sie bis heute.

Ruth Hayns Geschichte erzählt von mehr als einem außergewöhnlich langen Berufsleben. Sie zeigt auch, wie stark sich Pflege verändert hat – von Ausbildung und Arbeitsbedingungen über Versorgungsformen bis hin zum professionellen Selbstverständnis.
Demnächst wollen wir deshalb die Perspektive wechseln und eines unserer jüngsten Mitglieder besuchen. Wie blickt eine Pflegefachperson am Beginn ihres Berufswegs auf die Profession? Welche Erwartungen verbindet sie mit ihrer beruflichen Zukunft? Was bedeutet ihr professionelle Pflege – und warum entscheidet sie sich heute für eine Mitgliedschaft im DBfK?