05.03.2026
Wie steht es um die Gleichstellung der Geschlechter aus Sicht der professionellen Pflege und was braucht es, um Frauen politisch und gesellschaftlich den Rücken zu stärken? Darüber haben wir mit Nordwest-Mitglied Katja Beseoglu gesprochen.
Du bist mit der Idee auf uns zugekommen, anlässlich des Internationalen Frauentags einen WebTalk zum Thema Frauenpolitik aus Sicht professioneller Pflege zu machen. Wie kamst du auf das Thema?
Katja Beseoglu: Der Frauentag bietet eine gute Gelegenheit, auf die Situation in der Pflege aufmerksam zu machen. Da die Pflege historisch wie auch heute stark von Frauen geprägt ist, ist es wichtig, das Thema Gleichstellung immer wieder anzusprechen. Mir persönlich geht es vor allem ums Zuhören. Das bedeutet, dass Frauen ihre Geschichten erzählen dürfen – Geschichten aus dem Alltag, in denen sie erleben, wie ihnen Steine in den Weg gelegt werden, wenn sie sich in der Berufswelt behaupten wollen, oder wie sie um die Wertschätzung kämpfen müssen, die ihnen zusteht. Schon das Zuhören und Hinsehen kann dazu beitragen, die Last von Frauen als Care-Arbeiterinnen ein Stück zu erleichtern. Wenn ihre Erfahrungen ernstgenommen werden und Ungleichheiten sichtbar werden, ist das ein wichtiger Schritt. Ich hoffe, dass wir mit dem WebTalk am 9. März genau das erreichen: dass sich Frauen miteinander verbünden, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, die zu besseren Bedingungen führen. Am Frauentag geht es nicht nur um Gleichstellung, sondern auch um Wertschätzung für Leistungen, die oft unsichtbar bleiben.
Du wirst beim WebTalk über das Thema Gleichstellung sprechen. Ganz kurz zusammengefasst: Was bedeutet Gleichstellung im Pflegealltag für dich und wo siehst du in diesem Bereich Nachholbedarf?
Katja Beseoglu: Für mich bedeutet Gleichstellung, dass unsere Gesellschaft anerkennt, dass Care-Arbeit nicht allein Aufgabe von Frauen ist. Frauen und Männer tragen gleichermaßen Verantwortung für die Fürsorgearbeit in unserer Gesellschaft. Im Berufsleben bedeutet das, dass Arbeitsbedingungen geschaffen werden müssen, die Familien wirklich unterstützen. Menschen sollen die Möglichkeit haben, zu arbeiten und gleichzeitig ein gutes Familienleben zu führen. Dazu gehören für mich ganz konkrete Dinge: flexible Arbeitszeitmodelle, Wunschdienstpläne und verlässliche Kinderbetreuung, auch für schulpflichtige Kinder. Außerdem sind Ferienangebote, Sportangebote, Mittagessen für Kinder, die nicht durch die Schule versorgt werden, sowie Nachmittagsbetreuung wichtig. Genauso wichtig ist die Unterstützung bei der Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger. Auch in Branchen, in denen viele Männer arbeiten, wünsche ich mir von Unternehmensleitungen, dass Teilzeit, Elternzeit oder Kranktage für Kinder und Angehörige ganz selbstverständlich zum Arbeitsalltag gehören. Ich glaube, viele Männer haben ihr Bewusstsein dafür bereits geschärft, doch die Arbeitsbedingungen sind oft noch nicht entsprechend angepasst. Deshalb erleben Männer teilweise Stigmatisierung, wenn sie Verantwortung für die Familie übernehmen, und das ist kontraproduktiv für die Gleichstellung. Gleichzeitig muss Frauen, die Karriere machen oder Leitungspositionen übernehmen wollen, der Weg frei gemacht werden. Ebenso wichtig ist es, Frauen nicht zu verurteilen, wenn sie Care-Arbeit nicht in erster Linie selbst übernehmen, sondern diese Aufgaben vom Vater, von Großeltern, Erzieherinnen und Erziehern oder anderen Betreuungspersonen wahrgenommen wird. Care-Arbeit ist keine private Aufgabe von Frauen, sondern eine gesellschaftliche Verantwortung.
Warum ist Pflegepolitik aus deiner Sicht auch Frauenpolitik?
Katja Beseoglu: Meiner Meinung nach darf die Pflegepolitik nicht auf die Frauenpolitik reduziert werden. Professionelle Pflege ist ein zentraler Pfeiler unseres Gesundheitssystems und ein unverzichtbarer Dienst für die Gesellschaft. Ohne Pflege würde unser Gesundheitswesen nicht funktionieren und viele Menschen könnten nicht mehr am gesellschaftlichen und beruflichen Leben teilnehmen. Dies muss sich endlich auch in Anerkennung, Arbeitsbedingungen und Bezahlung widerspiegeln. Gleichzeitig darf nicht ignoriert werden, dass es sich bei der Pflege um einen historisch weiblich geprägten Beruf handelt, der lange nicht die Anerkennung und Wertschätzung erhalten hat, die er verdient. In diesem Sinne hat Pflegepolitik selbstverständlich auch eine gleichstellungspolitische Dimension. Hinzu kommt, dass viele Pflegekräfte eine Migrationsgeschichte haben. Auch ihre Arbeit trägt entscheidend zur Versorgungssicherheit in Deutschland bei. Das Ziel darf jedoch nicht darin bestehen, einen „Frauenberuf“ zu verteidigen. Es geht darum, einen hochqualifizierten Beruf aufzuwerten, für alle Menschen, die ihn ausüben, unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrer Herkunft.

Infos zur Person:
Katja Beseoglu ist Pflegepädagogin (M.A.) am Ausbildungszentrum des Universitätsklinikums Düsseldorf und koordiniert das Regionale Mitgliedertreffen Düsseldorf des DBfK Nordwest.
Alle Infos zum interaktiven DBfK WebTalk am 9. März gibt es auf unserer Webseite. Die Teilnahme ist kostenlos.